Es ist ein faszinierendes Phänomen unserer Zeit: Da sitzt man zwanzig Jahre lang in einem Büro, in dem die Luftfeuchtigkeit exakt so geregelt ist wie die Karriereleiter, und plötzlich findet man sich auf dem freien Markt wieder. Der Großkonzern hat Sie freundlich vor die Tür komplimentiert – mit einer Abfindung, die für ein ordentliches E-Bike und zwei Jahre Bio-Supermarkt reicht, aber eben ohne die schützende Hand der PR-Abteilung.
Was macht die Führungskraft von Welt also? Sie wird „Business-Coach“ oder „Interims-Berater“. Man hat ja schließlich „Transformationsprozesse moderiert“ und „Stakeholder-Interessen synergetisch gebündelt“.
Und genau hier beginnt das Elend …
Wer jetzt glaubt, er könne einfach ChatGPT füttern und mit den gleichen hohlen Phrasen, die früher im Quartalsbericht für sanftes Entschlummern gesorgt haben, nun Kunden gewinnen, der irrt. Die KI liefert Ihnen nämlich genau das, was Sie gewohnt sind: Text-Tapeten aus flüssigem Beton.
Wenn Sie heute auf dem Smartphone gelesen werden wollen – und glauben Sie mir, Ihre potenziellen Kunden lesen Sie beim Warten auf den verspäteten ICE, nicht im Ledersessel –, dann müssen Sie die Krawatte im Text lockern.
Das Problem mit dem KI-Text
Die KI schreibt Ihnen brav: „Ich unterstütze Unternehmen bei der Implementierung nachhaltiger Strategien.“ Gähn. Da hat der Leser schon drei Seiten weitergescrollt.
Was Sie eigentlich sagen wollen (aber sich noch nicht trauen): „Ich weiß, wie man einen Laden zusammenhält, wenn die Hütte brennt und der Vorstand schon die Rettungsboote zählt.“
Das ist die Lücke.
Die KI kann die Grammatik, aber sie hat keine Ecken und Kanten. Sie hat nie in einer Krisensitzung geschwitzt, während der Kaffee in der Tasse langsam Schlieren zog. Diese Erfahrung, diese echte Empathie, müssen Sie in Ihre Texte retten. Sonst sind Sie nur ein weiteres generisches Profil auf LinkedIn, das so wirkt, als wäre es im Labor gezüchtet worden.
Mein Rat an die frischgebackenen „Senior Advisors“:
Hören Sie auf, wie eine Pressemitteilung zu klingen. Fangen Sie an, wie ein Mensch zu schreiben, der etwas erlebt hat. Das Web ist kein Sitzungssaal. Es ist ein Marktplatz. Und auf dem Marktplatz gewinnt nicht der mit den schönsten PowerPoint-Folien. Sondern der, dem man abnimmt, dass er den Schmerz seiner Kunden wirklich spürt.
