KI-Texte: Warum Sie sich gerade in Ihren schlechtesten Text verlieben

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Früher war die Welt des Marketings noch angenehm sortiert: Wenn Webtexte oder PR-Kampagnen anstanden, beauftragten Sie generös die Agentur Ihres Vertrauens. Sie verteilten Ihr Briefing beim Business Lunch mit der lässigen Attitüde eines Großgrundbesitzers und bekamen Wochen später das glanzpolierte Ergebnis serviert. Für das Ihr Konzern zwar ein kleines Vermögen, Sie selbst aber keinen Tropfen Textschweiß bezahlten.

Heute?

Heute sitzen Sie selbst an der Tastatur. Für hippe Agenturen oder erfahrerne Freelance-Texter fehlt Ihnen das nötige Cash.

Für Leute, die früher Assistenten hatten: Warum Ihr Gehirn Sie austrickst, wenn die KI Ihnen feinsten Konzern-Sprech zurückspiegelt.

Aber wofür gibt’s jetzt KI? Und das auch noch for free!!!

Ein kurzer Befehl, ein Schluck Kaffee, und die Software spuckt Zeilen aus, für die Sie mit Ihrem 2-Finger-Suchsystem Jahre gebraucht hätten. Sie lesen die ersten Zeilen und denken: „Mensch, das klingt ja richtig gut. Professionell. Kompetent.“

Und genau da liegt das Problem: Sie haben sich gerade in Ihren schlechtesten Textentwurf verliebt.

Sie sind soeben der KI voll auf den Leim gegangen

Die KI spiegelt Ihnen exakt den „Beratersprech“ zurück, den Sie über Jahrzehnte im Konzern als Qualitätsmerkmal abgespeichert haben. Er erinnert Sie an die sündhaft teuren Strategie-Papiere der großen Unternehmensberatungen, bei denen man nach 50 Seiten immer noch nicht wusste, wer eigentlich was bis wann zu tun hat.

Das Ergebnis: Sie produzieren mit Hochgeschwindigkeit Content, der sich für Sie topnotch anfühlt, weil er null Angriffsfläche bietet. Den Ihre Leser aber ohne mit der Wimper zu zucken wegklicken – als wäre Ihr Texterguss ein lästiger Cookie-Banner.

Wenn Sie nicht wollen, dass Ihre KI-Texte wie die Pressemitteilung einer insolventen Landesbank klingen, müssen Sie die Maschine gegen den Strich bürsten.

Das Textproblem: Die KI ist ein People-Pleaser

Wenn Sie nach ‚professionell‘ fragen, schneidert die KI Ihnen einen Text wie einen grauen Zweireiher-Anzug: Er sitzt zwar korrekt, ist aber so aufregend wie eine Telefonkonferenz an einem Freitagnachmittag. Hier ist der Weg aus der Konformitäts-Krise:

1. Hören Sie auf, die KI um „seriöse Business-Texte“ zu bitten

Das Ergebnis ist immer ein Text, der niemanden beleidigt, aber auch niemanden bewegt.

Vorher · Konzernsprech
„Unser Unternehmen bietet ganzheitliche Lösungen für die Optimierung Ihrer wertschöpfenden Prozesse im Bereich des digitalen Wandels.“
Klingt nach Strategiepapier. Bedeutet aber nichts Konkretes.
Nachher · Mit Kante
„Die meisten Firmen verbrennen Geld in Software, die niemand versteht. Wir räumen das Chaos auf und machen Ihren Workflow wieder profitabel.“
Klar. Direkt. Entscheider-tauglich.

Der Prompt-Hack:

„Schreibe diesen Absatz um [Ihren Absatz hier einfügen]. Ignoriere alle Business-Floskeln. Schreibe so, als würdest du einem skeptischen Freund nach dem zweiten Bier erklären, warum dein Service sein Leben rettet. Benutze kurze Sätze. Verzicht auf Passiv.“

2. Füttern Sie die KI nicht mit Konsens, sondern mit Konflikt

Lassen Sie die Maschine Ihre steilste These ausarbeiten, statt sie mit Weichspüler-Adjektiven wie „nachhaltig“ oder „agil“ zu begraben.

Vorher · Phrasen-Hülsen
„In Zeiten des Wandels ist eine adaptive Führungskultur von essenzieller Bedeutung für den langfristigen Unternehmenserfolg.“
Klingt nach Strategiepapier – bleibt aber ohne Substanz.
Nachher · Echte Ansage
„Wer seine Mitarbeiter heute noch wie Schulkinder kontrolliert, hat den Schuss nicht gehört. Führung ohne Vertrauen ist der schnellste Weg in die Bedeutungslosigkeit.“
Klartext wirkt schneller als jede Managementfloskel.

Der Prompt-Hack:

„Nimm meine These [Ihre These hier einfügen]. Formuliere dazu eine Einleitung, die sofort provoziert. Sei direkt, nutze starke Verben und streiche jedes Wort, das die Aussage abmildert (wie 'vielleicht', 'könnte' oder 'man sollte').“

3. Deaktivieren Sie den „Wichtig“-Sprech

Die KI liebt Begriffe, die wichtig klingen, aber nichts aussagen. Machen Sie den Test: Wenn Ihr Satz auch im Geschäftsbericht einer Großbank stehen könnte, schmeißen Sie ihn in die Tonne.

Vorher · Bullshit-Bingo
„Wir synergieren unsere Kompetenzen, um agile Mehrwerte für unsere Stakeholder zu generieren.“
Nachher · Klartext
„Wir bündeln unsere Erfahrung, damit Sie am Ende des Monats mehr Gewinn auf dem Konto haben. Punkt.“
Weniger Worte. Mehr Wirkung.

Der Prompt-Hack:

„Analysiere den folgenden Text. Markiere alle Wörter, die 'Wichtig-Sprech' ohne echten Inhalt sind. Ersetze sie durch Begriffe aus der Alltagssprache. Wenn eine Redewendung zu glatt klingt, brich sie auf. 
[Ihren Text hier einfügen]“

Trauen Sie sich, die KI zu provozieren

KI spart Ihnen keine Zeit beim Denken. Nur beim Tippen. Nutzen Sie die KI-Tools, um Ihre Kante zu schärfen, nicht um sie abzuschleifen. Denn am Ende kauft Ihr Kunde bei einem Menschen, nicht bei einem Algorithmus, der bloß Wahrscheinlichkeiten berechnet.

Der Quick-Check für Ihre KI-Texte:

  • Der Echo-Test: Klingt der Text so, als hätte ihn auch Ihr schärfster Konkurrent genau so veröffentlichen können? (Wenn ja: Ab in den Papierkorb).
  • Die Adjektiv-Kur: Hat die KI Sie mit „innovativ“, „maßgeschneidert“ und „ganzheitlich“ zugeschüttet? Streichen Sie 90% davon.
  • Der Beweis-Check: Behauptet die KI Dinge, für die Sie keine echten Belege oder eigenen Erfahrungen haben? Liefern Sie die Fakten nach, sonst wirken Sie wie ein Hochstapler.

Executive Summary: Die KI-Konformitäts-Krise meistern

Die Täuschung: Die KI ist ein notorischer People-Pleaser. Sie spiegelt genau den glatten „Beratersprech“ wider, den Ex-Manager über Jahrzehnte als Qualitätsmerkmal abgespeichert haben. Das Ergebnis bietet zwar null Angriffsfläche, wirkt auf Kunden aber wie ein lästiger Cookie-Banner.

Die 3 Hebel gegen den Weichspüler-Sprech:

  • Keine „seriösen Business-Texte“ ordern: Wer nach „professionell“ fragt, bekommt den grauen Einheits-Zweireiher. Besser: Prompten, dass die KI wie ein skeptischer Freund nach dem zweiten Bier schreiben soll.
  • Konflikt statt Konsens füttern: Mut zu steilen Thesen statt Weichspüler-Adjektiven wie „nachhaltig“ oder „agil“. Kante schafft Profil, Konsens bleibt unsichtbar.
  • Den „Wichtig-Sprech“ deaktivieren: Sätze, die so auch im Geschäftsbericht einer insolventen Landesbank stehen könnten, gehören radikal in die Tonne.

Der Drei-Wege-Quick-Check: Machen Sie den Echo-Test (schreibt die Konkurrenz exakt dasselbe?), streichen Sie 90 % der Weichspüler-Adjektive („innovativ“, „ganzheitlich“) und sichern Sie KI-Behauptungen mit echten Fakten ab.

Das Fazit: KI spart Zeit beim Tippen, nicht beim Denken. Am Ende kauft der Kunde eine menschliche Persönlichkeit mit Meinung, keinen Algorithmus, der bloß Wahrscheinlichkeiten berechnet.

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