Der Kühlschrank, die KI und die Kunst, Entscheidungen zu vermeiden

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In einem Anfall von Optimismus beschloss ich neulich, meinen alten Einbaukühlschrank zu ersetzen. Die Anforderungen waren überschaubar: Er musste exakt in eine 88-Zentimeter-Nische passen, ein Eisfach haben und – ganz wichtig – zwei getrennte Gemüsefächer. Weil wir ja im Zeitalter der künstlichen Intelligenz leben, fragte ich einen dieser angeblich allwissenden KI-Agenten um Rat.

Die Antwort klang beeindruckend. Die KI erklärte mir detailliert die Tücken moderner Einbauküchen: Wenn eine Tür wegen einer Wand nur 90 Grad geöffnet werden kann, lassen sich breite Gemüseschubladen oft nicht vollständig herausziehen. Sie empfahl mir sogar konkrete Modelle von Liebherr und Miele. Ich war wirklich beeindruckt. Das klang nach echtem Expertenwissen.

Bis ich nachfragte, warum dieselbe KI mir kurz zuvor noch einen Backofen mit Selbstreinigungsfunktion als Lösung für mein Gemüseproblem empfohlen hatte. Daraufhin entschuldigte sie sich ausführlich für ihre „absolute Falschempfehlung“ und erfand spontan einen merkwürdigen „Hintertür-Trick“, mit dem man die Situation im Elektromarkt durch leichtes Ankippen eines Gemüsefachs simulieren könne.

Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich der digitale Alleskönner in einen Praktikanten auf hauchdünnem Eis.

Die Flucht in die Mikrodetailebene

Ich habe diesen Kühlschrank übrigens bis heute nicht gekauft. Stattdessen habe ich Stunden damit verbracht, Einbauanleitungen zu wälzen, Wandabstände zu messen und absurde Dialoge mit Algorithmen über Schlepptür-Techniken zu führen. Ich habe mich komplett in technischen Nischendetails verloren, um die eigentliche, lästige Entscheidung – das Ding einfach zu bestellen und den Handwerker zu rufen – elegant vor mir herzuschieben.

Und genau in dem Moment wurde mir klar, woran mich das erinnert: An viele Menschen, die nach einer langen Karriere in Konzernen oder im gehobenen Mittelstand in die Selbstständigkeit starten.

Häufig geschieht das nicht aus romantischer Gründerlust, sondern nach einer Umstrukturierung, einem Stellenabbau oder dem Erhalt einer Abfindung. Fachlich sind diese Menschen oft hervorragend aufgestellt. Sie haben große Projekte verantwortet, Teams geführt und komplexe Probleme gelöst.

Doch zu Beginn der Selbstständigkeit passiert häufig etwas Interessantes:

Die Versuchung ist riesig, sich wie ich in den Mikrodetails der Infrastruktur zu verlieren. Ein neues MacBook muss konfiguriert werden, die aufwendige Website braucht noch eine Animation, das Logo muss perfektioniert werden und nebenbei testet man drei neue KI-Marketing-Tools oder automatisierte Content-Systeme. Daran ist grundsätzlich nichts falsch.

Problematisch wird es nur, wenn man wochenlang die perfekte, glänzende Hülle plant, während der eigentliche Geschäftskern noch völlig unberührt bleibt.

Die Angst vor der eigentlichen Aufgabe

Der Grund für dieses Verhalten ist psychologisch absolut nachvollziehbar. Sich in technischen Details zu vergraben, Software zu testen oder das Design der Visitenkarte zu optimieren, fühlt sich sofort produktiv an. Man hat abends viel geschafft.

Die strategische Positionierung dagegen ist verdammt anstrengend und tut oft weh. Sich ehrlich zu fragen: Wer bin ich als Anbieter? Welches konkrete Problem löse ich? Für welche Kunden bin ich besonders wertvoll? Und warum sollten Kunden gerade mich beauftragen? Darauf gibt es keinen fertigen Prompt und keine smarte Automatisierung.

Diese Arbeit erfordert Klarheit, harte Selbstreflexion und oft auch unbequeme Entscheidungen, weil man Dinge weglassen muss. Noch schwieriger wird es, wenn anschließend die ersten Gespräche mit potenziellen Kunden anstehen, denn spätestens dort zeigt sich, ob das Fundament trägt.

Da wirkt es oft viel angenehmer, noch eine Runde den Kühlschrank-Berater zu spielen, noch einen Tag an der Website zu feilen oder die nächste KI-Anwendung auszuprobieren. Man hält sich künstlich beschäftigt, um sich der eigentlichen Herausforderung der Akquise nicht stellen zu müssen.

Warum KI die Positionierung nicht übernehmen kann

Natürlich versprechen viele Anbieter da draußen inzwischen das Gegenteil. Die KI soll die Texte schreiben, Beiträge veröffentlichen, Leads generieren und Kunden gewinnen – möglichst vollautomatisch im Schlaf, während man selbst im Hintergrund weiter an der Technik bastelt.

Ich nutze selbst KI und halte sie für ein äußerst wertvolles Werkzeug.

Aber sie bleibt ein Werkzeug. Solange eine KI noch massive Schwierigkeiten hat, die Anforderungen an einen Kühlschrank zuverlässig von denen eines Backofens zu unterscheiden, wird sie kaum die strategische Positionierung eines erfahrenen Experten übernehmen können.

Und genau darin liegt Ihre Chance.

Denn erfahrene Fach- und Führungskräfte besitzen etwas, das keine KI der Welt erzeugen kann: jahrzehntelange Berufs- und Lebenserfahrung, persönliche Glaubwürdigkeit und echte Praxishärte. Gerade im beratungsintensiven B2B-Geschäft kaufen Kunden nicht die schönste Website oder die ausgefeilteste Automatisierung. Sie kaufen Vertrauen. Sie kaufen Erfahrung. Und sie kaufen die Sicherheit, dass jemand ihr konkretes Problem bereits in der Realität verstanden und gelöst hat.

Mein Tipp für Ihren Küchentisch

Wenn Sie sich in Ihrer Selbstständigkeit gerade festgefahren fühlen und merken, dass Sie sich in Details verfangen, suchen Sie die Lösung nicht zuerst in noch mehr Technik. Nicht im nächsten Tool, nicht in der nächsten Automatisierung und meistens auch nicht im neuesten Laptop-Modell.

Nehmen Sie stattdessen ein ganz altmodisches Blatt Papier. Schreiben Sie fünf Menschen auf, die von Ihrer echten Erfahrung sofort profitieren könnten. Dann wählen Sie einen davon aus und kontaktieren ihn in den nächsten 24 Stunden persönlich. Nicht über einen KI-Agenten, nicht über einen automatisierten Funnel, sondern von Mensch zu Mensch.

Das ist am Anfang anstrengender und erfordert mehr Mut als ein schneller Prompt. Aber genau dort entstehen echte Kunden, tiefes Vertrauen und belastbare Geschäftsbeziehungen. Und am Ende sorgt das dafür, dass der virtuelle Kühlschrank nicht nur perfekt vermessen ist – sondern dass auch endlich etwas drinsteht, wovon man richtig gut leben kann.